Freitag, 25. Oktober 2013

Ein Eindruck meines bolivianischen Lebens

Ich weiß, dass ich schon lange nichts mehr geschrieben habe, dafür wird das hier jetzt ein bisschen länger...


Zuerst einmal: Was mache ich hier eigentlich?

Kaum jemand kann hier auf der Insel, beziehungsweise in Bolivien generell, Englisch und wenn dann nur ein paar Wörter. Deshalb sind wir hier. Erstrangig bringen wir den Kinder in der Schule Englisch bei. Jede Klasse hat einmal in der Woche Englischunterricht.
Romina und ich arbeiten in der Grundschule und Leon und Lovis in der Sekundarschule, wobei wir uns die Stundenpläne jeweils aufgeteilt haben. So hat jeder von uns mindestens zweimal die Woche „frei“, allerdings machen wir dann an diesen Tagen andere Arbeiten, wie zum Beispiel Englischunterricht für Erwachsene oder Projekte zum Thema Müll. Es gibt eigentlich immer genug zu tun und man kann sich gar nicht langweilen!
Die Schule geht jeden Tag bis 13 Uhr. Morgens vor dem Unterricht gibt es immer eine Formación. Das bedeutet, dass sich alle Kinder den Klassen und dem Geschlecht nach geordnet in Reihen vor einer Art Bühne aufstellen. Dann müssen sie marschieren und bestimmte Kommandos, wie „halbe Drehung“, ausführen. Am Ende marschieren sie dann eine Art Schulhymne singend in ihre Klassen. Montags ist diese Formación ungefähr eine Stunde lang. Dann redet ein Lehrer noch über ein bestimmtes Thema, wie Rassismus oder Lügen, der Direktor hält eine kleine Rede, meistens in Aymara, so dass ich nichts verstehe, und eine Klasse muss etwas vormachen.
Hier jetzt mal ein paar Fotos von der Schule, damit ihr eine Vorstellung davon bekommt wo und wie ich arbeite.
Rechts sieht man die Bolivianische Flagge und
links die Flagge der indigenen Bevölkerung



Das ist der Umriss vom Departamento La Paz
Hier sieht man einen Teil des Schulgebäudes von außen

Das Müllprojekt
Neben der Schule arbeiten wir auch an anderen Projekten, wie zum Beispiel dem Müllprojekt.
Die vorherigen Freiwilligen haben schon 14 Mülleimer gebaut, aber es nicht mehr geschafft, diese dann auch anzubringen. Also machen wir das jetzt.
Es sind immer zwei Mülleimer, zwischen drei Holzbalken anzubringen. Das ist zwar super viel Arbeit, sieht aber gut aus.
Die ersten Mülleimer haben wir oben auf einem Berg bei der
Boletería (eine Art Mautstelle am Beginn der Comunidad Ch´alla) angebracht. Insgesamt haben wir dafür 2 Tage gebraucht, da der Boden dort oben quasi nur aus Steinen besteht. Aber ich muss sagen, wenn man dann fertig ist, ist man schon stolz auf sich – aber nicht zu sehr, 12 folgen noch!


Das Plastiktütenprojekt
In Bolivien bekommt man alles, was man kauft in Plastiktüten. Somit kann man sich dann auch gut vorstellen, dass man einen Haufen an solchen ansammelt. Manche sind noch ganz, aber die meisten sind kaputt und man kann sie nicht mehr für ihren herkömmlichen Zweck nutzen. Aus diesem Grund haben wir damit ein Projekt gestartet.
Wir zerschneiden die Tüten so, dass ein langer Faden daraus entsteht und man es wie Wolle aufwickeln kann. Daraus häkeln oder stricken wir dann neue, robustere Tüten, Portemonnaies oder Ähnliches.
Bald werde ich dann auch mal eine detaillierte Anleitung mit Fotos veröffentlichen, dann könnt ihr das auch mal probieren.

Soviel zu meiner Arbeit, aber jetzt mal ein bisschen zu meiner Wohnsituation.
Also eigentlich ist das Haus in dem wir wohnen ein Hostel von Hostelling International Bolivia. Aber im Prinzip ist es wie ein Leben in einer Gastfamilie. Das Haus hat 6 Zimmer, wobei zwei von uns Freiwilligen genutzt werden und zwei von den Hosteleltern.
Nelson und Sol sind quasi unsere Hostel-/Gasteltern. Die Beiden sind super cool, noch relativ jung und sehr sympathisch. Hier ist es üblich, dass man schon sehr früh Kinder bekommt und deshalb haben auch Nelson und Sol schon eine dreijährige Tochter namens Cielo. Die Kleine hat so unglaublich viel Energie, dass ich froh bin, dass wir zu viert sind, um mit ihr zu spielen. Aber eigentlich ist sie schon viel weiter in ihrer Entwicklung, außer in Hinblick auf soziale Kompetenzen mit anderen Kindern, da sie Einzelkind ist, was hier auch eher unüblich ist.
Eigentlich ist das hier wie ein richtiges Familienleben. Wir kochen und putzen zusammen, essen abends gemeinsam in der Küche und reden dann noch lange. (Wobei „lang“ hier nicht das Selbe wie in Deutschland bedeutet, weil man meistens um neun im Bett liegt. Man lebt hier nach der Sonne gerichtet.) Meistens schläft Cielo beim Abendessen ein, was ziemlich süß ist.
Ansonsten lebt noch Jorge, der Vater von Nelson, bei uns, allerdings sieht man ihn nicht allzu oft, da er entweder in La Paz oder Copacabana einkaufen ist oder noch bis spät abends bei einer Reunion, also bei einer Zusammenkunft der Vorsitzenden der Gemeinde, ist. Aber auch der ist ein super netter.
Ja, mehr Menschen leben nicht hier mit uns, nur noch Tiere. Wir haben zwei Hähne, die nicht allzu beliebt bei uns sind, weil sie alles verschmutzen, und Negra, unsere Hündin. Negra ist eine super süße Hündin, die überall, wo man hingeht mitkommt und einem nicht von der Seite weicht, egal ob man mal kurz zum Kiosk geht oder bis hoch oben auf den Berg.
Zusammenfassend muss ich sagen, dass ich mich hier super wohl fühle!

Die Insel, das sagen die Einheimischen, ist eine Insel der Feste. Ich muss sagen, da stimme ich zu!
Schon nach einem Monat war das erste Fest,
El Día del Estudiante, von dem ich ja schon berichtet habe.
Am letzten17.10. war dann das nächste Fest. Hier hat die Erntezeit begonnen, beziehungsweise die Zeit zum Sähen der (überwiegend) Kartoffeln. Da hier die Pachamama (Mutter Erde) eine sehr große Rolle spielt, wird diese immer darum gebeten eine gute Ernte abzugeben.
Eigentlich hat das Fest zu Ehren von Pachamama aber schon einen Tag früher begonnen. Zu uns sind Cousinen, Schwestern von Nelson mit ihren Ehemänner gekommen und haben dann zusammen gekocht. Aber sie haben nicht nur für sich gekocht, sondern auch noch für Jorge und andere Verwandte. Als das Essen dann fertig war, sind Lovis und ich (Romina hatte Schule und Leon war krank) mit den Verwandten von Nelson auf den höchsten Punkt der Insel gestiegen. Natürlich hatten wir alle mindestens einen Kochtopf in der Hand, es war wirklich viel Essen. Das war schon ziemlich anstrengend, aber wenn man weiß, dass man oben leckeres Essen bekommt, geht alles. Außerdem hat uns die Aussicht, die man von oben hat, entschädigt. In der Mitte saßen die Vorsitzenden der Gemeinde, darunter auch Jorge, und haben geredet. Darum herum saßen in kleinen Grüppchen ein paar Familien verteilt, immer mit Kochtöpfen in der Mitte. Irgendwann gab es dann Essen: erster Gang: Schaf, Kartoffeln, Erbsen und scharfer Suppe
zweiter Gang: Hühchen, Reis, Kartoffeln, Salat und Postre (eine süße, fritierte Banane)
Nach dem Essen ist man so satt, dass man eigentlich nur noch Schlafen möchte, aber eigentlich muss man auch die Aussicht genießen.
Donnerstag war dann das eigentliche Fest. Früh Morgens ging es für die Autoridades,also die Vorsitzenden, mit ihren Partnerinnen oder nahen weiblichen Verwandten (in unserem Fall Jorge und Sol) auf eine kleine Insel, von wo aus sie dann auf der einen Seite des Berges hoch und auf der anderen Seite wieder runter tanzen mussten. Auch an diesem Tag kamen wieder Nelsons Verwandte, um zu kochen. Lovis und ich hatten noch Schule, also sind wir (die anderen mit dem Boot) auf die andere Seite der Insel zum Fest gelaufen. Das gab ein super cooles Foto von oben, da die Autoridades und ihre Partnerinnen alle pinke Ponchos beziehungsweise Oberteile an hatten und in einer Reihe in der Mitte des Strandes saßen. Alle anderen der Gemeinde saßen wieder in kleinen Grüppchen darum herum. Fast die gesamte Zeit haben einige Männer auf einer Art Blockflöte gespielt und die Autoridades haben in zwei Reihen getanzt. Nach einer Weile gab es dann wieder das gekochte Essen. Das Essen war ähnlich wie das am Tag vorher, nur eigentlich noch mehr.
Nach dem Essen hat jeder oder zumindest jede Familie aus der Gemeinde jeder Autoridad einen Teller mit Obst, Brot und manchmal Cola geschenkt. Am Schluss hatten Sol und Jorge dann einen riesen Haufen mit Orangen, Bananen, Brot und anderem Obst vor sich liegen. Hintergrund ist wohl das Teilen mit anderen Personen und damit auch das Aussprechen ihres Respektes gegenüber den Autoridades. Teilen ist hier eine super wichtige Komponente. Egal wo man ist, man bekommt eigentlich immer etwas angeboten und umgekehrt sollte das auch so sein. Ich bekomme immer das Gefühl dadurch Stück für Stück mehr zur Gemeinde zu gehören.
Nach einer Weile wurde dann Coca und Bier geteilt. Hier ist es Brauch, dass man es eigentlich nicht ablehnen kann, wenn man zum Beispiel auf ein Glas Bier eingeladen wird. Aber bevor man trinkt muss man der Pachamama etwas abgeben, also ein bisschen (oder ein bisschen mehr) von seinem Getränk auf den Boden schütten.
Gegen sechs Uhr sind wir dann alle zusammen mit einer Lancha (Boot) zurückgefahren.

Und wisst ihr was?! - Am 2. November ist hier Todos Santos (der Tag der Toten), also das nächste Fest!

Wenn wir nicht auf der Isla sind, sind wir in La Paz und das meistens für ein Wochenende im Monat. Dieses Mal gab es Freitag keinen Unterricht, wir konnten also schon Freitagfrüh von Challapampa (der Gemeinde im Norden) aus nach Copacabana und von da aus nach La Paz fahren. In La Paz gehen wir dann Essensachen für den Monat einkaufen oder geben viel zu viel Geld in den super vielen traditionellen Geschäften aus. Da ist es schon ein guter Ausgleich, wenn man auf der Isla eigentlich nicht die Möglichkeit hat, Geld asuzugeben.


Dieses Mal wollten wir uns aber auch mal El Alto, die viel ärmere Stadt am Rand von La Paz, angucken und auf den berühmten Markt dort gehen. Da dieser aber nur donnerstags und sonntags ist, haben wir uns dazu entschieden mit den Lehrern am Montagfrüh um 6 in Copacabana Richtung Insel zu fahren. Sonntag sind wir also früh aufgestanden, um dann mit einem der Micros (kleine öffentliche Busse) nach El Alto zu fahren. Wir hatten eigentlich schon Angst oder zumindest ein bisschen Muffensausen, weil El Alto gefährlicher ist als La Paz, aber ich habe mich nicht einmal unsicher oder unwohl gefühlt und passiert ist auch nichts. Also keine Sorge!
Der Markt ist riesengroß. Wir hatten gar nicht die Möglichkeit alles anzusehen, weil man sich erstens verlaufen würde und Tage dafür bräuchte. Aber das, was wir gesehen haben, war unglaublich! Und alles super billig. Es gab Kickertische, Schuhe, Obst, Fahrräder, Kleidung, Spiele, eigentlich gab es alles. Und viel zu viele leckere Süßigkeiten wie getrocknete Bohnen oder Salteñas (eine Art gefüllte Teigtasche). Leider hatten wir nicht zu viel Zeit, da wir noch den letzten Bus nach Copacabana bekommen mussten. Schließlich haben wir uns um sechs Uhr morgens mit den Lehrern verabredet.

So, das war es erstmal... Bis zum nächsten Mal!

Samstag, 5. Oktober 2013

Endlich die versprochenen Fotos!


Romina, Cielo und Lovis auf dem Weg zum See
Wir haben natürlich alle getanzt und hatten dementsprechende Kostüme an
(v.l.n.r. Nelson, Sol, Jessi, Romina, Cielo, Lovis, Leon)
Die Tinku Hüte sind immer mit mehreren Spiegeln und vielen bunten Federn und Schnüren versehen


So sieht das Kleid und mit den Schals aus, die man sich um den Hals und die Taille bindet

Der erste Auftritt ist geschafft!

 
Cielo und ich nach dem Tanz

Nelson in seinem Kostüm